Geschichte des Atemschutzes

"In 3 Minuten tot" - Artikel von
  H.G. Müller

 

Der Landes-Feuerwehrarzt Dr. Lothar Leitner: „Eine gute Kondition vorausgesetzt, kann ein Mensch eine Woche ohne Nahrungsaufnahme überleben, drei Tage ohne zu trinken, doch kaum drei Minuten, ohne zu atmen“. Der Mensch atmet am Tag 23.0000 mal. Dabei konsumiert er 12,5 Kubikmeter Luft. Sattsam bekannt sind die tödlichen Unfälle verursacht durch die Gase in Gärkellern, Silos und Jauchegruben. Die Menschen fallen plötzlich tot um und der Reihe nach alle, die ihnen ohne Atemschutz helfen wollten. Die schlecht belüfteten Helme der Ritter hielten stets einen Teil der ausgeatmeten Luft zurück, nach einer Weile fielen die Reiter tot vom Pferd.

Der Vater des Atemschutzes ist das Tauchen. Dies klingt im englischen Begriff für Atemschutz, „Smoke-diving“ (Rauchtauchen) an. Um lebensgefährliche Gase in den Bergwerken früh zu erkennen, hielt man in den Gruben Vögel in Käfigen. Schließlich wurde im Ersten Weltkrieg die Vergiftung der Atemluft zu einer Waffe, durch die 90.000 Soldaten eines qualvollen Todes starben, 1,2 Millionen wurden verwundet. Viele litten ihr Leben lang unter den Auswirkungen des Gaskrieges. Der führte allerdings zu neuen Erkenntnissen und Geräten. Damit sollte der griechische Philosoph Heraklith recht behalten, der schon vor 2500 Jahren zu der Erkenntnis kam, dass der Krieg der Vater aller Dinge ist.

Zuerst wurde Chlor als Kampfstoff verwendet. Die Russen behalfen sich ursprünglich mit Bränden, um mit der aufsteigenden Luft die Gasschwaden nach oben abzulenken. Ein problematischer Atemschutz waren zunächst Glasflaschen, deren unteres Ende entfernt wurde. Die Flasche wurde mit Wasser oder Urin angefeuchteter Erde gefüllt und das untere Ende der Flasche mit einem luftdurchlässigen Stoff zugebunden oder in eine leere Konservenbüchse gesteckt. Die Nase zugehalten, wurde durch die Flasche geatmet. Mit Schutzbrillen, mit den Mullbinden der Verbandspäckchen und anderen primitiven Maßnahmen versuchte man zu überleben, ehe 1916 Gasmasken an die Truppe ausgegeben wurden. Kurz darauf auch an die Soldaten der k.u.k. Armee. Bei der 12. Isonzoschlacht kamen neunhundert 18 cm-Gaswerfer zum Einsatz, die mit nur einer Salve 12 Tonnen Phosgen auf den italienischen Frontabschnitt abgefeuert haben.

 

Gasmasken für Pferde

Um die tödliche Wirkung zu erhöhen, wurden Granaten mit einem Mix an chemischen Kampfstoffen verschossen, die Mehrzweckfilter erforderlich machten,

oder die durch Gasmasken nicht unschädlich gemacht werden konnten, weil sie auf die Haut einwirkten. Die Pferde schützte man mit Futtersäcken ähnlichen Gasmasken, ehe man gewahr wurde, dass sie nicht durch das Maul atmen können. Daraufhin wurden für sie konischenTampons mit je einem Filter entwickelt, die man in ihre Nüstern steckte. Während der Zwischenkriegszeit war der Gaskrieg ein Trauma wie die H-Bombe während des Kalten Krieges. Mit beachtlichem Aufwand wurden Volksgasmasken und „Gasjäckchen“ für Kleinkinder propagiert. Während des Zweiten Weltkrieges wurden 110 Millionen Gasmasken gefertigt, ehe man im April 1945 die Produktion einstellte. Es wurden zwar im Zweiten Weltkrieg hemische Kampfstoffe produziert, aber nicht eingesetzt. Aus Angst vor der Eskalation der chemischen Kriegsführung.

Auf die Geschichte des Atemschutzes nimmt die Sonderausstellung im
Feuerwehrmuseum St. Florian Bezug, die der Bundesfeuerwehrrat Dr. Alfred
Zeilmayr, assistiert vom Leiter des Feuerwehrmuseums, Erwin Chalupar mit seinem Team, installiert hat und die am 14. Mai von LFKDT Johann Huber, im
Beisein von in-und ausländischen Sachbearbeitern der Feuerwehr- und
Brandgeschichte eröffnet wurde. In den Vitrinen und auf Schautafeln wird vom
Anfang an bis in die Gegenwart, in chronologischer Folge, die Entwicklung des
Atemschutzes gezeigt. Den Schwerpunkt bildet der Atemschutz in der Feuerwehr.

Obwohl bereits am Beginn des 19. Jahrhunderts nachhaltig an einem wirksamen
Atemschutz gearbeitet wurde, haben bis um 1900 die Feuerwehrmänner meistens ihre Schnurrbärte in die Nasenlöcher gesteckt und so größere Partikel aus der Atemluft gefiltert, aber nicht die giftigen Rauchgase. Sogar noch nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurden von unseren Feuerwehren Mundschwämme verwendet, ehe durch die zunehmende Verwendung von Kunststoffen, die bei einem Brand bis zu neun giftige Gase entwickeln können, die Ausrüstung der Feuerwehr mit dem schweren Atemschutz unverzichtbar wurde.

 

Der Schlauch machte den Atemschutz
  unentbehrlich

Dr. Zeilmayr verwies auf die Wende in der Brandbekämpfung, die sich durch die
Erfindung des Schlauches ergeben hat, die dem Holländer Jahn van der Heiden
(1637-1712) zugeschrieben wird. Bis dahin war der Atemschutz kein Thema, denn mit den Wenderohren der Handdruckspritzen und mit Eimerketten waren kaum Innenangriffe möglich. Ehe umluftunabhängige Geräte erfunden wurden,
ermöglichten Frischluftgeräte eine erweiterte Brandbekämpfung. Bei den ersten
Geräten handelte es sich um Masken mit Schläuchen, ohne Filter, die bis knapp
über den Boden reichten. Ein Fortschritt war der Atemschutz mit Frischluftgeräten, denen die Atemluft mit einem Blasebalg zugeführt wurde.
Diese erhöhten den Aktionsradius auf maximal 20 Meter.

Die Franzosen, die Deutschen, unter ihnen niemand geringerer als Alexander
von Humboldt, die Italiener, aber auch wir Österreicher waren Pioniere in der
Entwicklung des Atemschutzes. Den Anstoß dazugab, dass 1812 bei einem
Kellerbrand im Alsergrund (Wien) zwei Rauchfangkehrergehilfen erstickt sind.
Daraufhin hat der Wiener Mechaniker Johann Melzel die nach ihm benannte
„Melzelsche Erstickungswehr“ erfunden. 1830 entwickelte das k. k. Geniekorps
(Pioniere) ein frei tragbares Behältergerät., 1833 wurde es bei der Wiener
Feuerwehr eingeführt. Es bestand aus einer ledernen Haube, die den Kopf des
Trägers umgeben hat und in dem die Atemluft in einer 5-Liter-Flasche aus
Blech gebunkert war. Wenn der Luftvorrat zur Neige ging, wurde damals schon
der Atemschutzträger durch ein Pfeifsignal gewarnt. Der Erfinder war der
Ungar Károly Köszegi Martoni aus Sopron. Der umluftunabhängige Atemschutz
beschränkte sich zunächst auf rucksackartige Behälter, deren Luftvorrat nur
für wenige Minuten reichte.

Legion ist die Zahl der Männer, die Pionierarbeit geleistet haben. Vielfältig die Namen der Atemschutzgeräte: Metzel´sche Erstickungswehr, Rauchanzug,
Respirationsapparat, Kompressionsgas-Respirationsgerät, Régulateur (für
Lungenautomat), Atemapparat, Feuertauchapparat, Müller´sche Rauchhaube,
Rauchschutzapparat, Frischluft-Saugschlauchgerät, Sauerstoffkoffer,
Pneumatogen, Tauchretter, Feuertaucher, Drägerogen, Proxylengerät, Aerolator,
Heeresatmer, S-Maske mit Filter und nicht zuletzt der landläufig bekannte
Begriff „Gasmaske“. Mit der waren die Soldaten der Wehrmacht ausgerüstet.
Obzwar inzwischen ausgemustert, finden sich noch immer viele im Gerätefundus
der Feuerwehren.

Die alte Schlauchquetschpumpe

Bei der glanzvollen Eröffnung der
Sonderschau „Atemschutz“, die drei Jahre gezeigt wird, wurde, ohne jedem
Konnex mit dem Atemschutz, die vom Sachgebietsleiter für Feuerwehrgeschichte
und Dokumentation, E-OBR Hans Sallaberger geschaffene Replik eines
„rotierenden Schlauchwasserzubringers“ dem Feuerwehrmuseum übergeben. Dabei handelt es sich um eine Schlauquetschpumpe, die der erste Feuerwehrkommandant Österreichs, der Rittmeister a. D. Ferdinand Leitenberger (1799-1856), der 1850 die FF Reichstadt in Böhmen und damit die erste in Österreich-Ungarn gegründet hat, zum Patent angemeldet hat. Der von Sallaberger, assistiert von seinem Kameraden Norbert Inreiter, geschaffene Nachbau fördert in der Minute 420 Liter Wasser. Als Antrieb dient eine Kurbel, die bei der Präsentation auch von einem etwa zehnjährigen Jungen betätigt werden konnte.

Historisches Feuerwehrzeughaus St. Florian